Henstedt-Ulzburg

Kommune und Wettbewerbsbeitrag im Überblick

Einwohnerzahl

27.705

Bundesland

Schleswig-Holstein

Titel des Beitrags

Talk about – Sexualität & Gender

Schwerpunkt des Beitrags

Das Projekt „Talk about – Sexualität & Gender“ ist ein Bildungsangebot der kreisangehörigen Gemeinde Henstedt-Ulzburg für geflüchtete Erwachsene zum Thema Sexualität und Geschlechterrollen. Hierzu werden zweitägige Veranstaltungsreihen angeboten, die sich – jeweils geschlechtergetrennt – an Menschen aus einem spezifischen Sprach- und Kulturraum richten. Der enge Teilnehmerkreis soll einen möglichst vertrauensvollen Austausch zu den Themen Sexualität und Liebe ermöglichen.

Kontakt

Wenzel Waschischeck, Sabine Gawlick, Svenja Gruber
Gemeinde Henstedt-Ulzburg
Flüchtlingskoordination und Gleichstellungsbeauftragte
Rathausplatz 1
24558 Henstedt-Ulzburg
Telefon: +49 4193/ 963-238
E-Mail: waschischeck@h-u.de; gawlick@h-u.de

Beschreibung des Wettbewerbsbeitrags

Ausgangspunkt für den Wettbewerbsbeitrag waren Verunsicherungen vieler Gemeindemitglieder beim Umgang mit den Themen Liebe und Sexualität im interkulturellen Vergleich. Haupt- und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit, Bürgerinnen und Bürger sowie geflüchtete Menschen selbst äußerten in Henstedt-Ulzburg den Wunsch nach einem präventiven Bildungsangebot zu Liebe und Sexualität in unterschiedlichen kulturellen Kontexten, das unterschiedliche Menschen „auf Augenhöhe“ anspricht und Werte wie Gleichberechtigung und Selbstbestimmung für Frauen und Männer gleichermaßen vermittelt. Anlässe dafür waren unter anderem mehrere Fälle häuslicher Gewalt, von Ehen mit Minderjährigen sowie – allgemeiner – Kenntnislücken bei Geflüchteten zum Thema Familienplanung.

Gruppenfoto von Männern
Foto: Wenzel Waschischeck
Entsprechend wurde das Projekt „Talk about – Sexualität & Gender“ für die Hauptzielgruppe erwachsene geflüchtete Menschen konzipiert. Zentrales Projektziel war es, den Teilnehmenden Informationen rund um das Thema Sexualität in Deutschland im Hinblick auf kulturelle, rechtliche und normative Fragen – zum Beispiel mit Blick auf die Gleichberechtigung von Männern und Frauen – zu vermitteln und ihnen eine Auseinandersetzung damit sowie Diskussionen zu den Themen zu ermöglichen. Auch die Wissensvermittlung zu den biologischen Grundlagen von Sexualität und Geschlecht sowie die Aufklärung beispielsweise zu Fragen der Verhütung gehörten dazu. Mit diesen Auseinandersetzungen sollte ein offener und sensibler Austausch unter anderem zu Geschlechterrollen, zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sowie eine differenzierende Reflexion eigener und fremder Vorstellungen und Haltungen angestoßen werden.

Konzipiert waren die Informations- und Diskussionsveranstaltungen als zweitägige Angebote von zwei mal drei Stunden Dauer. Zwischen den Terminen wurde für rund zwei Wochen pausiert, um genügend Zeit zu haben, das Diskutierte zu verarbeiten und neue Fragen zu entwickeln.

Die Veranstaltungen wurden geschlechtergetrennt vom Verein Jungenarbeit Hamburg e.V. in Kooperation mit pro familia im Auftrag der Gemeinde Henstedt-Ulzburg durchgeführt und bezogen sich jeweils auf eine Sprachgruppe bzw. ein bestimmtes Herkunftsland, um kultursensitiv arbeiten zu können. Dabei wurden die Angebote durch jeweils geschlechtsspezifische Dolmetscherinnen und Dolmetscher unterstützt. Auch tageszeitlich waren die Veranstaltungen an die Situationen der unterschiedlichen Zielgruppen angepasst. Somit wurde großer Wert auf geeignete Kommunikation und günstige Rahmenbedingungen gelegt. Die Ansprache der Zielgruppen war so gestaffelt, dass zunächst die männlichen Teilnehmer (im kulturellen Kontext oftmals die Familienoberhäupter) eingeladen wurden, damit ihre Akzeptanz der Angebote auch Frauen eine Teilnahme ermöglichte. Flankierende Kinderbetreuung vor Ort gestattete es auch Müttern kleinerer Kinder, die Veranstaltungen zu besuchen.

Die erste Veranstaltungsreihe im Juni 2017 richtete sich an Geflüchtete aus Afghanistan und wurde jeweils von einer Dolmetscherin bzw. einem Dolmetscher für Dari/Farsi begleitet. 33 Männer und 30 Frauen aus Afghanistan nahmen daran teil. Die zweite Veranstaltungsreihe für Frauen und Männer aus dem Sprach-/Kulturkreis Arabisch (hauptsächlich aus Syrien) befand sich zum Zeitpunkt der Beitragseinreichung in der Durchführung. Weitere Veranstaltungsreihen für die Sprach-/Kulturkreise Kurdisch, Tigrinisch und Russisch waren in Henstedt-Ulzburg sowie an weiteren Standorten im Kreis Segeberg für 2018 in Vorbereitung. Im Jahr 2018 soll die Veranstaltung auch speziell angepasst für Jugendliche am Berufsbildungszentrum angeboten werden.

Begründung der Prämierung

Mit dem Projekt „Talk about – Sexualität & Gender“ reagiert die Gemeinde Henstedt-Ulzburg auf Unsicherheiten und Wissenslücken von Geflüchteten zu Fragen von Sexualität und Geschlecht(erollen). Unter anderem mit einer stringent zielgruppenorientieren Ansprache und geschlechtersensibler organisatorischer Ausgestaltung der Angebote werden geflüchtete Männer und Frauen getrennt für die Teilnahme an den jeweiligen Veranstaltungsreihen gewonnen.

Die hohen Teilnahmezahlen bei den bisherigen Veranstaltungen spiegeln den Erfolg dieses Ansatzes.

Im Rahmen des Projektes können sich Geflüchtete „auf Augenhöhe“ und mit weitgehend geringen Hemmschwellen über Sexualität und kulturell unterschiedliche Geschlechterrollen auseinandersetzen. Unsicherheiten im eigenen Verhalten und bei der Selbstverortung in sexuellen Fragen, die sich beim Kontakt mit einer völlig neuen Sexualkultur in Deutschland unweigerlich ergeben, können durch dieses Projekt erfolgreich verringert werden.

Während die Pilot-Veranstaltungsreihe gänzlich aus kommunalen Mitteln (Bereich Gleichstellung und Flüchtlingskoordination) finanziert wurde, konnten für 2018 weitere Mittel der Gemeinde Henstedt-Ulzburg und des Kreises Segeberg (Kreisgleichstellungsbeauftragte) eingeworben werden.

Insgesamt zeigt sich hier in bemerkenswerter Weise, wie mit den begrenzten Möglichkeiten einer kleineren Gemeinde dieses sensible und wichtige Thema passend und praxisorientiert aufgegriffen werden kann.

 

Zum Originalwettbewerbsbeitrag der Gemeinde Henstedt-Ulzburg.